26. Januar 2010

Veröffentlichungen

Vortrag anläßlich des 2. Saarländischen Burgensymposiums am 29.03.2009

Die Ritterrüstung der späten Stauferzeit in der experimentellen Archäologie
von Klaus Hanfried Schneider

In dem folgenden Referat geht es um die Ausstattung und Bewaffnung eines Burgbewohners. Es handelt sich um den gepanzerten Reiterkrieger des Hochmittelalters, gemeinhin gesagt, den Ritter, wobei aus gegebenen Umständen auf ein wichtiges Requsit , das Pferd, verzichtet werden muß. Seine Aufgabe bestand in der Verteidigung und Verwaltung einer Burg und des Umlandes. Er konnte zum Personalverband eines Burgherren gehören oder selber Burgherr sein. Seine Standeszugehörigkeit konnte sich vom niedersten Adel bis in die höchsten Kreise des Hochadels erstrecken.
Wir betrachten ihn in der Spätzeit der Stauferherrschaft, dies betrifft die 1. Hälfte des 13. Jds, im besonderen das 2. Viertel dieses Zeitabschnittes, die Jahre um 1230 bis1240.
Die höfische Kultur befindet sich auf ihrem Höhpunkt. Der Ritterstand hatte sich mit der Zeit im Adel fest etabliert, und durch die Einführung der Ritterbürtigkeit in der Ständehierarchie nach unten hin abgeriegelt. Aus den gepanzerten Reiterkriegern, den „milites“ entstand der Kulturträger einer Epoche, der „miles“.
Ich darf Ihnen vorab eine kurze Zusammenfassung zur Entwicklung der Bewaffnung und Ausrüstung dieser Panzerreiter im Verlaufe des Hochmittelalters darlegen, bevor ich auf die Quellen zu sprechen komme, die uns zur Verfügung stehen, um anschließend auf die Problematik eines periodisch exakten Rekonstruktion-s versuchs einzugehen.
Die Ursprünge liegen in der Aufstellung berufsmäßiger Reiterkrieger im 10.Jd., die gegen die ständige Bedrohung der von Osten eindringenden Reiterscharen erfolgreich eingesetzt wurden. In Bewaffnung und Ausrüstung orientierten sich diese Reiterkrieger an ihren Gegnern, den Steppenkriegern aus dem eurasischen Raum. Hier sei vor allen das Volk der Samarten genannt.
Diese Ausrüstung bestand aus einem konischen Helm, der über einer Kaputze getragen wurde, einem spitzkonischen Schild und einer knielangen Körperpanzerung, Sattel und Steigbügel.
Im frühen 11. Jd. etablierten sich die umherstreifenden Normannen in Süditalien, in unmittelbarer Nachbarschaft der byzantinischen Hochkultur, paßten ihre mitgebrachten Ausrüstungen unter deren Einfluß an und übertrugen sie auf die Krieger in Nord- und Westeuropa.
Die Stickarbeiten des Teppichs von Bayeux aus der 2. Hälfte des 11. Jds. zeigen recht detailliert, wie diese Kreigsrüstung nun aussah. Zu einem oben runden, unten spitzzulaufenden Schild trug man einen konischen Helm mit Naseneisen, bei dem die ältere Spangentechnik des Helms immer mehr durch die in einem Stück getriebene Stahlkalotte ersetzt wurde. Die Körperpanzerung bestand aus einem knielangen, ab der Hüfte geschlitzten, eisernen Ringelpanzer mit ange-arbeiteter Kaputze und kurzen Ärmeln. In der Litheratur wird er mit „brünne“, „halsberge“ und „haubert“ bezeichnet. Unterarme und Beine umwickelte man mit widerstandsfähigen Stoffbinden.
Etwa 80 bis 100 Jahre später, ab der Mitte des 12.Jds., nach dem Desaster des 2. Kreuzuges, (1145 bis 1147) treten allmählich Änderungen in der Ausrüstung und Bewaffnung der mittlerweile in höfischer Kultur eingebundenen Ritterschaft auf. Es war wieder der Kriegsgegner, der dieses Mal die Entwicklung mit seiner kurdisch-persischen Kulturtradition beeinflußte. Es traten Verbesserungen in der Verarbeitung des Stahls auf und ein zusätzliches Rüstteil, ein gepolsteter, gesteppter Rock, „Wams“, „Jope“ oder „Gambeson“ genannt, der unter dem Ringelpanzer getragen wurde, findet immer mehr Verbreitung. Die Kalotte des Helms wurde nach phrygischem Vorbild mit der Spitze nach vorne gebogen, nach persischem Vorbild mit Kaneluren verziert, oder kegelförmig, oder ganz flach, nach der Form orientalisch-abendländischer Frauenhüte geformt.
Außerdem verbreiterten sich die Naseneisen bis sie an manchen Helmformen die untere Gesichtshälfte in Gänze bedeckten. Das Ringelgeflecht wurde auf die Beine erweitert. Es löste die bisher üblichen Beinwicklungen ab, bedeckte die Vorderseite der Beine, und wurde auf ihrer Rückseite geschnürt.
Um die Jahrhundertwende vom 12. zum 13. Jd. verstärkt sich der Trend zur vollständigen eisernen Umhüllung des Kopfes und des Körpers .
Zunächst brachte man an die bestehenden Helmformen eine eisene Maske an, im Mittelhochdeutschen mit „Barbiere“ bezeichnet, die das gesamte Gesicht bedeckte und großzügige Öffnungen für die Augen freiließ. Diese wurde vermutlich zunächst über das bestehende Naseneisen festgeschnallt, später direkt mit der Helmkalotte fest vernietet. Vor allem die modische Variante des Helms mit flacher Helmdecke, wurde in den folgenden 10 bis 20 Jahren durch das Vernieten mit zusätzlichen Metallplatten weiter geschlossen.
Diese Entwicklung war vermutlich um die Jahre 1230 bis 1235 allgemein abge-schlossen und es traten nun elegantere Formen dieses Helmtypus auf, der jetzt den gesamten Kopf bis zum Kinn umhüllte . Die mittelhochdeutsche Literatur verwendet den Ausdruck „Helmvaz“ für diesen neuen Helm. Wir bezeichnen ihn heute als Topfhelm oder Kübelhelm.
Wie beim Kopfschutz, vervollständigte sich auch die Körper-panzerung um die Jahrhundertwende zum 13. Jd. Der bereits länger gewordene Ringelpanzerärmel, erhielt zusätzlich einen angeflochtenen Fäustling und das Bein umschloß nun ein komplettes Ringelgeflecht bis zum Oberschenkel mit ebenfalls angeflochtenem Schuh und Ledersohle.
Vorbild dieser kompletten Einrüstung ist der spätantike „Clibanophoros“ der oströmisch-byzantinischen Armee, der sich wiederum am persischen Panzerreiter orientierte.
Es war der Orient, der den Kreuzfahrern die Anregung zur Anpassung ihrer Aus-rüstungen bot, die formale und technische Verarbeitung erfolgte jedoch in Westeuropa völlig selbständig.
Auf ähnliche Ursprünge läßt sich auch der Gebrauch eines Waffenrocks zurückführen, der sich nun allmählich durchsetzte. Wahrscheinlich aus dem Überkleid der byzantinischen Söldner, etwa ab Mitte des 12.Jds. entliehen, trug der europäische Ritter ihn zunächst weiß, dann später immer bunter über dem Panzer. Allerdings setzte er sich östlich des Rheins nur zögerlich durch. Die blanke metallisch glänzende Rüstung hielt sich dort noch längere Zeit.
Der Schild wurde, ab der Wende zu 13. Jd., über mehrere schnell wechselnde Sonderformen, kürzer und etwas breiter und ähnelte gegen Mitte des 13. Jds. immer mehr einem gleichschenkligen Dreieck.
Ab dem 2. Viertel des 13. Jds. wendete man vermehrt zusätzliche Rüstteile zur Verstärkung des bisherigen Ringelpanzers an. Wie beim erwähnten „Gambeson“ wurden sie warscheinlich aus festen Leinen-, Hanf-, oder Jutestoffen hergestellt, gut gefüttert und abgesteppt über das Ringelgeflecht gezogen. Auf diese Weise konnten die Oberschenkel, die Brust, die Schultern und der Hals einen verstärken Schutz vor allem gegen Geschosse aus Armbrust und Langbogen erhalten. Auch ein zusätzliches Ringelgeflecht vermutet man über der bisherigen Panzerhaube oder auf der Brust.
Ab etwa Mitte 13. Jd. traten die ersten Formen des Lentners auf: dieser entstand aus dem bisherigen Waffenrock, der auf der Innenseite im Brustbereich mit schmalrechteckigen Metallplaten ausgelegt und vernietet wurde. Mit diesem neuen Rüstteil nahm von nun an die Ausrüstung der Ritterschaft an Gewicht zu und bedingte eine Veränderung im Zuschnitt des darunter getragenen Ringelpanzers.
Das 2. Viertel des 13. Jds. ist nun erreicht, und hier enden meine Betrachtungen zur chonologischen Entwicklung der Ritterrüstung. Nach dem Tode Freidrich II. von Hohenstaufen im Jahre 1250 erlischt das Herrscherhaus in den folgenden 18 Jahren, politische und gesell-schaftliche Veränderungen führen zu Veränderungen im Kriegswesen und in der Ausrüstung der Ritterschaft, in der etwa 100 Jahre später die Ringelpanzerung durch die Plattenpanzerung ersetzt wird.
Die dinglichen Hinterlassenschaften der hochmittelalterlichen Bewaffnung und Ausrüstung in Europa ist, im Vergleich mit weit älteren Epochen, äußert dürftig. Das Fundmaterial aus Bodengrabungen oder Grablegungen, zumeist stark korrodiert, beschränkt sich im wesent-lichen auf Schwerter, Speer- und Pfeilspitzen, Sporen, Steigbügel, Ortbänder und ein paar Gürtelschnallen. Hinzu kommen etwa 5 konische Helme mit Naseneisen aus dem späten 10. bis ins 12. Jd. Der einzige dinglich erhaltene Topfhelm dieser Epoche, der sog „Dargener Helm“ aus Pommern, wird in das spätere 13. Jd. datiert und gehört daher schon einer späteren Entwicklungsphase an. Von den Körperpanzerungen sind uns lediglich ein paar Reste des Ringelge-flechtes und ein paar Teile aus Lamellenpanzerungen erhalten geblieben. Glücklicherweise existieren noch 4 Schilde aus 1. Hälfte des 13.Jds, in besserem Erhaltungszustand.
Dagegen in recht großer Zahl finden wir künstlerisch gestaltetes Bildmaterial in Buch- und Wandmalereien, Reliefprägungen auf Reitersiegeln und figürliche Darstellungen in Bauskulpturen, Grabfiguren und verschiedenen Gebrauchsgegen-ständen. Auf deren Auswertung beruht in erster Linie die eben dargestellte Chronologie der Entwicklung der Ausrüstung des hochmittelalterlichen Reiter-kriegers. Auch die noch in großem Umfang vorhandene Ritterepik und Minnelyrik dient als wichtige Bezugsquelle. Diese gibt uns zwar eine Fülle von regional unterschiedlich lautenden Begriffen an und bestätigt uns damit die Existenz bestimmter Waffen und Ausrüstungsteile, jedoch geben sie uns keine Auskunft über ihr exaktes Aussehen, noch über deren Anwendung und technische Verarbeitung.
Eine zeitlich exakte Rekonstruktion der ritterlichen Ausrüstung muß sich aus den vorliegenden Quellen, wie die Chronologie auch, vorwiegend auf die Auswertung der gemalten Miniaturen und den plastischen Abbildungen stützen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, daß die dargestellten Personen einer bestimmten Bildsymbolik unterliegen, um Informationen über Status, Vermögen oder physische Eigenschaften einem größtenteils analphabetischen Publikum mitzuteilen.
Außerdem wird nach manch zeitlich umstrittener Einordung des Bildmaterials in heutiger Auffassung ein zeitlicher Versatz von etwa 20 Jahren angenommen, der zwischen einer ersten Erwähnung eines Objektes in der Literatur und seiner bildnerischen Darstellung liegen können.
Besonders das Fehlen zahlreicher Ausrüstungsteile aus dieser Epoche zwingt nun dazu andere wissenschaftliche Bereiche, wie die vergleichende Trachtenkunde und die Technik- und Wirtschaftsgeschichte zu höherer Sachkenntnis hinzuzuziehen. Und vor allem ist eine genau auf Funktion der Ausrüstungsobjekte bedachte Betrachtungsweise notwendig, um einen experimentellen Nachbau möglich zumachen.
Wenden wir uns nun der rekonstruierten Ritterrüstung der Zeit um 1235/40 zu und betrachten zunächst den Schild. Seit alters her immer noch die wichtigste Verteidungswaffe auch in dieser Epoche. Exemplarisch rekonstruiert habe ich aus der Marburger Sammlung, den substanziell noch recht gut erhaltenen „Schild mit unbekanntem Wappen.“ Den vorliegenden ausführlichen Analysen und Beschrei-bungen der Herren Warneke 1884, Nickel 1954 und Kohlmorgen 2002 zufolge, sind alle zu dieser Sammlung gehörenden Schilde im materiellen Aufbau weitgehend gleich.
Über leicht konkav miteinander verleimeten Brettchen, meist aus Lindenholz, in Stärken von 8 - 12 mm, und einer Breite von 9 - 11 cm, wurde eine Rohhaut vom Rind- oder Hirsch gespannt und rückseitig befestigt. Nach guter Durchtrocknung und Aushärtung bereitete man die Oberfläche des Schildes zur Glättung und Bemalung vor. Hierzu verwendete man eine aus Kreide und Leimwasser hergestellte Grundierung, die in mehreren Schichten auf dem Schild aufgetragen und nach Durchtrocknung glattgeschliffen wurde. Anschließend brachte man mit gleicher Grundiermasse, künstlerisch aufwendige Engobagearbeiten zur Darstellung des Wappens auf. Dadurch entstand zur optischen Betonung eine reliefartige Hervorhebung der Wappenelemente. Die durchgetrocknete Kreidegrund beschichtung wird außerdem steinhart und erhöht die Widerstandsfähikeit eines Schildes.
Im Original finden wir das Wappen des rekonstruierten Schildes nur noch rudimentär erhalten. Meine Rekonstruktion aus den beobachteten Indizien lassen einen „geschachten Diagonalbalken“ entstehen und nicht, wie die Analysen der zitierten Autoren, einen „gezinnten Diagonalbalken“ annehmen.
Auf der Rückseite des Schildes befinden sich die Riemen zur Handhabung und die Schildfessel. Aus einem erhaltenen Riemenrest können wir analysieren, daß diese aus mehreren dünnen Lederstreifen bestanden, die ummantelt und miteinander vernäht wurden. Befestigt hatte man sie mit Eisennägeln, die durch die vorderseite des Schildes getrieben und auf der Rückseite krumm geschlagen wurden. Nagelreste und Einschlaglöcher sind im Original noch zu erkennen. Es wird angenommen, daß die Schildfessel eine Schnalle besaß, damit der Riemen in der Länge angepaßt werden konnte, um ihn z. B. auf den Rücken zu schnallen.
Kommen wir zum Schwert. Es ist die Symbolwaffe des „miles christianus“, des gesamten Ritterstandes schlechthin, obwohl es nicht nur von Ritter getragen wurde. Das von mir getragenen Schwert ist eine Rekonstruktion des sog. „Mauritius-schwertes aus Turin“, datiert in die Zeit von Mitte 12. Jd. bis ins 13.Jd. hinein. In dieser Zeitperiode verwendete man Schwerter noch vorwiegend als Hiebwaffe. Aus diesem Grund hatte die Klinge eine bis in die Nähe der Spitze reichende Hohlkehle. Sie war verantwortlich für die Elastizität der Klinge beim Hieb und verringerte außerdem das Gewicht. Gehärtet wurde die Klinge nur im Bereich der beiden Schneiden und an der Spitze.
Die Parierstange schützte die Hand sowohl beim Auffangen des gegnerischen Schlages, als auch bei einer Schildberührung. Im vorliegenden Fall ist sie modisch zur Klinge hin gekrümmt. Auch wird die Auffassung vertreten, daß die Krümmung ein Verhaken des gegnerischen Schwertes bewirken kann, um auf diese Weise den Gegner im Kampf behindern zu können. In den meisten Fällen jedoch war im Hochmittelalter die Parierstange gerade.
Der Griff war grundsätzlich für eine Hand ausgebildet. 1 1/2 - Händer kamen aufgrund der Quellenlage in dieser Zeitperode sehr selten vor, 2 - Händer sogut wie garnicht. Der Knauf des Schwertes stellt ein wichtiges Gegengewicht zur Ausbalancierung der Klinge dar. Die Form des Knaufs veränderte sich im Laufe der hochmittelalterlichen Epoche, wobei diese Knaufrekonstruktion die Form einer „Paranuß“ besitzt. Diese kam vor allem in Mittel- und Südeuropa, vorwegend in den Regionen des Reiches vor; in Westeuropa findet man dagegen hauptsächlich runde Schwertknäufe. Der Paranußknauf diente als besonders hervorragende Stütze der Hand und läßt das Schwert gut führen.
Nach hochmittelalterlicher Sitte trug man das Schwert immer in einer Schwertscheide, und es wurde nur unmittelbar vor einem Kampfeinsatz gezogen. Eine Schwertscheide bestand in den meisten Fällen aus einem schmalen Holzschaft, aufgrund der Symbolik aus einem Fruchtholz hergestellt, mit einer flachen Aushöhlung in die die Klinge paßgenau hineingeschoben werden konnte. Zur Zierde erhielt der Holzkorpus eine feine Lederum-mantelung mit einem angeformten Scheidenmaul, das in dieser Zeitperiode meist zur Papierstange hin spitz auslief. Das untere Ende der Scheide wurde zum Schutz der Schwertspitze mit einem metallenem Ortband versehen. Mittels Gürtel, meist aus gebleichtem Hirschleder wurde die Scheide locker um die Hüfte gebunden. Dieser Gürtel bestand aus zwei Teilen, dessen vorderes Stück am weiten Ende in drei schmale Bänder aufgeteilt, anschließend in einem komplizierten Geflecht um die Scheide gewickelt , und mit dem hinteren größeren Teil des Gürtels, wieder verbunden wurde. Aus dem Geflecht blieben am Ende zwei Bändel übrig, die auf besondere Weise miteinander verknotet wurden. Dieser Knoten war der sog. Ritterknoten und er zeichnete den Träger als geweihten, also initiierten Ritter aus. Die Farben eines solchen Wehrgehänges entsprachen der Symbolsprache des Hochmittelalters: Weiß für die Reinheit und Schwarz für Kraft und Mut.
Es folgt das 3. Objekt in der Präferenz der kriegerischen Ausrüstung, der Helm. Meine Rekonstruktion basiert auf einer Auswertung der figurenreichen Illustra-tionen der“ Kreuzfahrerbibel“, auch gelegentlich „Mascieovsky-Bibel“ genannt. Sie wurde um 1248/50 für Ludwig den 9. in der Malschule der gerade fertigge-stellten St. Chapelle in Paris gezeichnet.
Die dort zahleich dargestellten Topfhelme des neuesten Typs wurden zunächst zeichnerisch isoliert, miteinander verglichen und in mehreren Prototypen hergestellt und gestestet. Das Resultat ist der vorliegende Helm. Er stellt die bereits modisch elegante Form des neu entwickelten Topfhelms dar. Der Kopf wird vollständig verhüllt, läßt aber den Hals frei, wodurch der Kopf in jede anatomisch mögliche Richtung drehbar war. So konnte der Träger in gewohnter Weise weiterhin mit seinem Schwert hantieren. Das setzt aber voraus, daß dieser Helmtyp unverrückbar fest auf dem Kopf sitzen muß. Bei den Tests hatte sich herausgestellt, daß sich die uniform flach dargestellten Helmdecken in den Illustrationen, den Anforderungen im Einsatz nicht gerecht werden. Es könnte sich in der Malschule um die Anwendung eines zeichnerischen Topos handeln. Der Helm ist mit einer leichten Wölbung in seiner Helmdecke sicherer zu tragen. Außerdem ist es nötig, aus den genannten Gründen, dem Helm eine aufwendige pralle Fütterung mitzugeben, sodaß der Kopf regelrecht in den Helm hineingedrückt werden muß.
Einen Nachteil mußte man bei den neuen Helmen dieser Zeit aus Gründen des besseren Schutzes der Augenpartie in kauf nehmen. Die Augenöffnungen wurden sehr schmal und schränkten dadurch das Blickfeld stark ein.
Der neue Helm bestand meist aus 4 Platten, die gebogen und auseinandergetrieben miteinander vernietet wurden. Hier wendeten die Schmiede nun eine Verar-beitungstechnik an, die sich in erster Linie auf das maßgenaue Anpassen von gebogenen Metallplatten konzentrierte und weniger auf das Treiben konischer oder runder Helmkalotten aus einer einzelnen Platte. Zuletzt stabiliesierte man den Vorderteil des Helm mit einem Visierkreuz.
Das letztrangige und aufwendigste Teil der Ausrüstung ist die Körperpanzerung. Den primären Schutz bot immer noch der unverzichtbare Schild. Der Ringelpanzer bot zwar einen hervorragenden Schutz gegen Schnitt und Stichwunden, konnte aber bei starken Axt und Schwerthieben oder bei starken Lanzenstößen und Armbrustbolzen gesprengt werden.
Der Aufbau der Körperpanzerung entsprach imPrinzip dem Aufbau der höfischen Kleidung zur Zeit der 1. Hälfte des 13. Jds. Man trug die als „pellacina ovina“ bezeichnete Schaffelkleidung, dh. man trug mehrere Kleidungsstücke je nach Anlaß und Witterung übereinander. Hemd, Obergewand, Übergewand, Mantel - dem altfranzösichen entlehnt: Chemise, Cotte, Surcot, Cappa. Den Unterleib bedeckte eine Bruche an deren Gürtelbereich die Beinlinge, im Mittelhochdeutschen „hosen“ genannt, angenestelt wurden.
Ein wesentlicher Bestandteil der Körperpanzerung waren die gepolsterten Kleidungs- oder Rüstteile; in einigen Beschreibungen wird in diesem Zusammenhang auch von der „weichen Rüstung“ gesprochen. Das zentrale Rüstteil ist der, zuvor schon erwähnte „Gambeson“. Trotz Fehlen aller dinglichen Belege, geht man in der Rekonstruktion davon aus, daß es sich um ein aus widerstandsfähigem Leinen bestehndes Gewand handelte, das ausgepostert und abgesteppt wurde . Diese Polsterung dürfte aus weiteren Leinenstoffen, Hanfstoffen oder gefilzten Wollstoffen bestanden haben, die Stöße abfangen und Hiebe mildern konnten. In der Literatur finden wir für dieses Kleidungsstück weitere Ausdrücke , wie „aceton“, „hautceton“ oder „Wams“.
Darüber streifte man die oberste Haut der Rüstung, den in Westeuropa üblichen Panzer aus Ringelgeflecht. Er bestand aus ineinander verflochtenen Stahlringen. Das Herstellungsprizip ist uralt und kann bis ins 3. Jd. vor Chr. zurückverfolgt werden. Die wenigen Reste die uns erhaltengeblieben sind und ins 13. Jd. datiert werden, bestehen aus einem sog. 4 in 1-Geflecht, dh. in einen Ring werden 4 weitere Ringe eingehängt. Die Ringgrößen wurden nach Auswertung der erhaltenen Reste im Innendurchmesser zwischen ca. 8 und 5 mm gemesen. Je kleiner der Innendurchmesser, desto dichter wurde das Geflecht. Der dadurch erhöhte Aufwand bei der Anfertigung führte natürlich zu einer Verteuerung des Panzers.
Da wir bei der Rekonstruktion einer solchen Panzerung auf kein komplett erhaltenes Stück zurückgreifen können, bedarf es einer Reihe experimenteller Erfahrungen. Zunächst können bei der exakten Analyse der Illustrationen und Plastiken, die ein Ringelgeflecht abbilden, die verschiedenen handwerklichen Methoden abgelesen, beispielsweise, wie die Reihen eines Geflechtes aufgebaut sein könnten. Auch ist allen Darstellungen gemeinsam, daß die Panzer eng am Körper anliegen. In der Praxis kann durch Hinzufügen oder Weglasen eines Ringes in einer verknüpften Reihe ein Panzerteil enger oder weiter gemacht werden. So ergeben sich in der experimentellen Anwendung dieser Voruntersuchungen Rekostruktionen, die trotz enger Umhüllung des ganzen Körpers, die Beweglichkeit nicht beeinträchtigen. Die optische Übereinstimmung mit den alten Darstellungen könnte abschließend den wirklichkeitsnahen Nachbau bestätigen.
Besonderer Aufwand in der Phase des Experimentes entstand bei der Rekonstruktion der angeknüpften Haube, dem „Hersenier“ und des abnehmbaren Kinnschutzes, dem „ventaculum“ oder „ Kinnvaz“. Sie muß eine besonders hohe Beweglichkeit zulassen, als auch fest am Kopf anliegen, um nicht zu verrutschen. Die Lösung wurde hier in der Anwendung von dünnen Lederriemen gefunden, die durch die Ringe der Panzerung gezogen werden können und ein Verschüren mit dem Kopf ermöglichen.
Ein weiteres Problem stellt die Befestigung der Panzerbeinlinge dar. Es gibt darüber ebenfalls keine erhaltenen Reste und die Literatur gibt uns außer der Erwähnung eines „Lendeniers“, eines „Senfteniers“, eines „Spaldeniers“ und der „Lendenierstricken“, keine weitere Beschreibung darüber. Das beachtliche Gewicht von knapp 3 Kg pro Beinling muß am Körper so befestigt werden, daß es gut sitzt und nicht nach unten rutscht.
Am Beispiel der von mir getragenen Rüstung gebe ich Ihnen zum Abschluß meiner Ausführungen einen lebendigen Einblick, wie die komplette Einkleidung eines vollständig gerüsteten Ritters, um 1230 /40, im Detail ausgesehen haben könnte.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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